Wenn Böhmen auf Havanna trifft…
Wie aus einer verrückten Idee ein ungewöhnliches Musikprojekt entstand
Kann KI Blasmusik? Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass irgendwo über ChatGPT, KI-generierte Bilder oder künstlich komponierte Musik berichtet wird. Die Meinungen dazu reichen von begeisterter Zukunftseuphorie bis hin zur Sorge, dass Computer bald Künstler ersetzen könnten, oder gleich die Weltherrschaft übernehmen.
Auch ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit diesem Thema.
Allerdings weniger mit der Frage, ob KI irgendwann bessere Musik schreiben kann als Menschen. Als bekennender Fan der böhmisch-mährischen Blasmusik fand ich eine andere Frage viel spannender:
Was passiert eigentlich, wenn man bekannte böhmische Blasmusik einmal in völlig andere Musikstile versetzt?
Nicht als Parodie.
Nicht als Remix
Wirklich als ernst gemeintes musikalisches Experiment!
Die Idee
Die böhmische Blasmusik ist meine Leidenschaft, das weiß jeder der mich kennt. Gleichzeitig höre ich aber natürlich auch andere Musikstile. Von Hard-Rock, über Klassik bis hin zu Jazz ist da wirklich alles dabei.
Schon längere Zeit begleitet mich dabei ein Gedanke:
“Was passiert, wenn aus einer Polka ein Latin-Groove wird? Wenn ein Marsch plötzlich swingt? Oder wenn ein klassisches Jazz-Trio gemeinsam mit einer kubanischen Band Karel Vacek neu entdeckt?”
Als gelernter Hornist hatte ich da wahrscheinlich auch die berühmten “Mozart y Mambo”-Alben von Sarah Willis im Hinterkopf, auf denen sie Mozarts Hornkonzerte durch den kubanischen Fleischwolf dreht.
Die Idee ließ mich nicht mehr los und mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz schien sie zum Greifen nah. Auch ohne kubanische Jazz-Musiker. Das Ziel war nicht, Ernst Mosch zu ersetzen oder böhmische Blasmusik zu modernisieren. Bekannte Melodien einmal durch eine völlig andere musikalische Brille zu betrachten, darin lag der Reiz.
Somit beschloss ich, dieses Experiment im vergangenen Dezember anzugehen.
Die ersten Versuche
Meine erste Idee war denkbar einfach: Ich spiele einer KI eine Polka vor und sage ihr:
“Mach daraus Smooth Jazz”
Das klang zunächst erstaunlich logisch.
Leider können die allseits bekannten Chatbots wie ChatGPT, Gemini und Co. allerdings keine Musik generieren. Hierfür benötigt man Spezialsoftware, die in Form von z.B. Suno für jedermann frei zugänglich ist.
Wer SUNO bisher noch nicht kennt: Es handelt sich dabei um einen webbasierten KI-Musikgenerator, der einfache Texteingaben oder Songtexte in vollständige, professionell klingende Lieder – inklusive Gesang, Instrumentation und Songstruktur – umwandelt.
Das kostenlose Abo genügt bereits, um zum Ausprobieren ein paar Songs pro Tag erstellen zu können. Ich entschied mich dafür, für einen Monat das Pro-Abo zu kaufen. Hierin sind deutlich mehr “Credits” enthalten, mit denen man Songs generieren kann, man hat Zugriff auf das neuste Modell und GANZ WICHTIG für mich: Man erhält die kommerziellen Nutzungsrechte an seinen erstellten Songs.
Ich begann also einige bekannte böhmische Melodien selbst einzuspielen und bei SUNO hochzuladen. Ganz bewusst keine Originalaufnahmen anderer Künstler. Das ist nämlich laut SUNO-Nutzungsbedingungen ausdrücklich verboten. Von allgemeinen Urheberrechtsverletzungen ganz zu schweigen. Durch die eigenen Aufnahmen, befand ich mich zumindest in einer rechtlichen Grauzone…
Ernüchterung
Also, Kann KI Blasmusik? Die ersten Ergebnisse waren…
…einerseits absolut beeindruckend, andererseits aber auch ziemlich enttäuschend.
Ja, es klang nun tatsächlich nach Jazz!
Ja, man hatte fast den Eindruck, hier spielt ein echtes Jazz-Trio. Echt beängstigend!
ABER musikalisch blieb vieles erstaunlich nah am Original. Die Form änderte sich kaum. Die Melodie ebenfalls nicht.
Teilweise hatte ich eher das Gefühl, eine Polka von einer Jazz-Besetzung zu hören, als echten Jazz.
Also begann das eigentliche Experiment
Mir wurde schnell klar: Eine KI denkt nicht wie ein Arrangeur.
Sie bekommt keine Idee, sie bekommt eine Beschreibung! Und genau diese Beschreibung entscheidet über das Ergebnis.
Ich begann also, immer detailliertere Anweisungen zu formulieren (und meine Credits schmolzen dahin…). Nicht mehr nur
“Mach Jazz!”
sondern beispielsweise:
- “nur vier Musiker”
- “benutze Saxofon, Piano, Klavier, Kontrabass”
- “jeder Musiker erhält ein kurzes Solo”
- “verändere die Form”
- “erfinde neue Melodiebögen”
- “baue Improvisationen ein”
- “verwende typische Jazzharmonik”
Die Ergebnisse wurden tatsächlich besser. Aber noch längst nicht perfekt.
KI ist kein Musiker
Eine Erkenntnis setzte sich nach und nach durch:
Je länger ich mit SUNO arbeitete, desto weniger hatte ich das Gefühl, mit einem Komponisten zusammenzuarbeiten. Vielmehr erinnerte mich die KI an einen unglaublich talentierten und vielseitigen Studiomusiker, dem man allerdings GANZ GENAU erklären muss, was man hören möchte. Und der manchmal trotzdem etwas völlig anderes macht…
Wer schon einmal mit echten Musikern im Proberaum experimentiert und gearbeitet hat, kennt dieses Phänomen vielleicht sogar. Nur dass die KI dabei weder diskutiert noch nachfragt. Sie spielt einfach los.
Neue Wege
Nach ein paar Tagen und vielen unbefriedigenden Versuchen wurde mir klar, mein ursprünglicher Ansatz war vielleicht einfach falsch. Ich versuchte immer noch, möglichst nahe am Original zu bleiben.
Warum eigentlich?
Vielleicht sollte ich die Melodien gar nicht “umarrangieren”. Vielleicht sollte ich sie vielmehr als Ausgangspunkt für etwas völlig Neues sehen.
Genau an diesem Punkt nahm das Projekt plötzlich neuen Schwung auf. Aus einem Marsch wurde eine smoothe Jazz-Nummer, eine Polka wurde zu einem gemütlichen Cha-Cha und andere Melodien landeten plötzlich in Havanna.
Jetzt machte das Experimentieren richtig Spaß!
Anmerkung zum Urherberrecht
Je weiter sich die Musik von den ursprünglichen Vorlagen entfernte, desto häufiger stellte ich mir eine ganz andere Frage:
“Wann ist eine Bearbeitung eigentlich noch eine Bearbeitung?”
Wie erwähnt, hatte ich bewusst keine Originalaufnahmen verwendet. Alle Melodien spielte ich selbst ein. Im Laufe der Arbeit veränderten sich jedoch Harmonik, Rhythmus, Form, Instrumentierung und teilweise sogar die Melodieführung immer stärker. Am Ende fühlten sich die meisten Stücke für mich nicht mehr wie klassische Coverversionen an, sondern wie eigenständige Neukompositionen, die lediglich von bekannten böhmischen Melodien inspiriert wurden.
Ob diese Einschätzung rechtlich so haltbar wäre, sei mal dahin gestellt. Hier verläuft auf jeden Fall eine spannende Grenze zwischen künstlerischer Kreativität und Urheberrecht. Aber dieser Grenze sollte man sich generell immer bewusst sein, wenn man mit KI arbeitet.
Fortsetzung folgt…
Nachdem die musikalische Richtung gefunden war, begann sich das Experiment nach und nach zu einem richtigen Projekt zu entwickeln:
- Wenn daraus ein Album entstehen soll, braucht es einen Namen.
- Ein Cover
- Fiktive Musiker oder Bands
- Einen “roten Faden”
Bist Du neugierig geworden? Das Album ist auf allen Streamingdiensten und Youtube verfügbar! Höre gerne mal in das fertige Ergebnis rein:
- Auftritt des Jahres – Deine Stimme zählt!
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