…und die das Publikum begeistern werden!
Bevor ich Euch (meiner Meinung nach!) 5 Mega-Polkas vorstelle, möchte ich die folgende Frage stellen:
Was haben die “Böhmische Liebe”, “Von Freund zu Freund”, “Der Böhmische Traum” und “Zeitlos” gemeinsam?
Es sind “mega” erfolgreiche Polkas, die sich in nahezu JEDER Notenmappe finden lassen. Selbst Musikvereine, die ansonsten nichts mit böhmisch-mährischer Blasmusik zu tun haben (wollen), haben meistens doch zumindest eine Auswahl dieser Titel in ihrem Repertoire. Doch wie kommt das?
Meine These dazu:
Der Markt an Polkaliteratur wird seit Jahren geradezu überschwemmt mit neuen Kompositionen. Es entstanden immer mehr Kleinstverlage und Selbstverleger, sodass es als Dirigent oder Kapellmeister nahezu unmöglich ist, alles sichten zu können. Man orientiert sich dann eher daran, was der Nachbarverein spielt. Welche Titel kamen auf dem letzten Kreismusikfest besonders gut an? Was wird auf den Titelseiten der Big Player (z.B. Rundel) als Neuerscheinung besonders beworben?
Das Ergebnis: Irgendwie spielen alle das gleiche… (aktuellstes Beispiel: Die Spritzregen-Polka)
In diesem Beitrag möchte ich Euch deshalb 5 Alternativen zum Mainstream-Programm vorstellen. Echte Insider werden die Titel natürlich kennen, aber ich bin der Meinung, man hört diese Polkas viel zu selten, bis nie. Dabei sind es MEGA-Polkas die sich, jede auf ihre Art, deutlich von der breiten Masse abheben.
Los gehts!
Wenn Heidrun erzählt (Franz Watz)
Bereits 1984 veröffentlichte Franz Watz zur Geburt seiner Tochter die Heidrun-Polka für Roland Kohler und seine Neue Böhmische Blasmusik. Eine fantastische, flotte Polka, die man leider auch viel zu selten zu hören bekommt.
Die Fortsetzung gab es dann 2008 zum 25-jährigen Geburtstag von Heidrun. Wenn Heidrun erzählt erschien damals beim DeHaske Musikverlag und wurde für Michael Klostermann und seine Musikanten geschrieben.
Stilistisch komplett anders als die Heidrun-Polka, gelang Franz Watz mit Wenn Heidrun erzählt eine Bravour-Polka der Spitzenklasse. Ein unaufgeregtes, gemütliches böhmisches Tempo gepaart mit wunderbaren Dur-Moll Wechseln und Legato-Passagen im Trio, sowie technisch anspruchsvollen Läufen in allen Registern.
Auf der CISM-Selbstwahlliste ist die Polka der Höchststufe zugeordnet. Dies ist durchaus berechtigt, da man für eine angemessene Interpretation auf jeden Fall eine Kapelle mit ausgeprägtem böhmischen Stilbewusstsein und den musikalischen Fähigkeiten, die technisch anspruchsvollen Stellen zu meistern, voraussetzt.
Pusztazauber (Rolf Schneebiegl)
Im riesigen Repertoire der Neuen Böhmischen Blasmusik unter Roland Kohler finden sich unzählige Blasmusikschätze, die heute nahezu verschollen sind und die es wieder zu entdecken lohnt. So auch eine Polka aus dem Jahre 1999, komponiert von keinem geringeren als Rolf Schneebiegl, mit dem ungewöhnlichen Namen Pusztazauber. Bereits nach wenigen Takten ist aber klar, der Titel ist Programm!
Die Einleitung beginnt feurig akzentuiert und der erste Teil ist ungewöhnlicherweise komplett in Moll gehalten. Eine kurze Zwischensequenz, angeführt von den Holzbläsern erinnert uns daran, dass wir eine böhmische Polka hören, bevor das Blech wieder überleitet zum ersten Thema.
Der Eingang ins Trio ist harmonisch genial gestaltet. Anstatt nach “Schema F” einfach in die Subdominant-Tonart zu wechseln, nutzt Schneebiegel hier die Tonika-Parallele.
Statt in c-Moll geht es nun blasmusiktypisch in Es-Dur weiter. Man fühlt sich endlich in Böhmen angekommen, auch wenn unter der butterweichen Melodie nach wie vor stark synkopierte Einwürfe der Begleitinstrumente wahrzunehmen sind. Würde die Polka hier enden, hätte ich sie nicht auf die Liste der 5 Mega-Polkas gesetzt.
Doch Rolf Schneebiegel hat noch eine Überraschung parat. Urplötzlich folgt ein extrem rhythmisches Bass-Solo, wir bewegen uns wieder in c-Moll und das Tempo wechselt in ein “presto”. Bei der Wiederholung steigen die Holzbläser mit einer virtuosen Umspielung ein und wir fühlen uns tatsächlich ohne Vorwarnung in die Welt der ungarische Volksmusik versetzt.
So überraschend dieser Teil kommt, so abrupt ist er auch wieder vorbei. Bevor wir verstehen, was da gerade passiert ist, sind wir schon wieder im gewohnten Es-Dur Trio angelangt und die Polka läuft entspannt ihrem Ende entgegen.
Mladost-Radost (Jindrich Pravecek)
Auch unter den original tschechischen Kompositionen gibt es einige MEGA-Polkas, die man viel zu selten hört. Jindrich Pravecek (1909-2000) entwickelte die böhmische Blasmusiktradition nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutend weiter und schuf viele, sehr konzertant angehauchte Polkas (Weiberl-Polka), Walzer (Goldene Jugend) und Märsche (Kosmos-Marsch), die alle besser im Konzertsaal als im Festzelt aufgehoben sind. Dass sein musikalisches Werk nicht komplett in Vergessenheit geriet, ist vor allem Thomas “Schiffko” Zsivkovits zu verdanken.
Auf der Suche nach Originalmanuskripten tschechischer Stücke, die er von alten Schallplatten des Zentralorchesters Prag kannte, entdeckte er in einem kleinen Museum im Osten Tschechiens Praveceks Lebenswerk und viele Stücke wurden fortan im Tuba-Musikverlag veröffentlicht und es entstand die CD-Produktion Blasmusik von Jindrich Pravecek* mit dem Pannonischen Blasorchester.
Ebenfalls an der Produktion beteiligt war als Solist Thomas Gansch, der bereits 2004 auf der Mnozil Brass-CD Ragazzi den Titel Mladost Radost eingespielt hatte. Für die erste Tournee seiner neuen Supergroup wurde der Titel ebenfalls ins Programm genommen und einem größeren Publikum bekannt gemacht.
Auch diese Polka bietet einiges, um sich wohltuend von den Standard-Titeln abzuheben und neue Klangfarben ins Programm zu bringen. Der erste Teil ist noch geprägt von Posaunen-Glissandi, Triangel-Schlägen und einem bewusst eher schwerfälligen Charakter. Immer wieder werden den Abschlussakkorden jazztypische Sexten oder Septimen hinzugefügt und spätestens im Trio, beginnt die Polka so richtig zu swingen.
Der Jazz- und Tanzmusikeinfluss ist unverkennbar. Mit einer klassisch böhmischen Polka hat auch Mladost Radost relativ wenig zu tun. Technisch dürfte die Polka für die meisten Orchester gut spielbar sein. Gerade für größer besetzte Blasorchester ist die Polka Mladost Radost eine absolute Empfehlung, da hier auch mal sonst weniger beachtete Instrumente wie Posaune, Horn und Percussion im Rampenlicht stehen.
Salletmayr Polka (Patrick Prammer)
Die Salletmayr Polka trägt den Untertitel “fürn Willi sein Opa”. Was es damit auf sich hat? Willi ist der Spitzname von Manuel Huber (Solohornist der Wiener Philharmoniker) und seines Zeichens einer der besten Freunde von Patrick. Willi hatte ein sehr inniges Verhältnis zu seinem Opa, der vom Salletmayr-Hof stammt. Somit ist die Salletmayr Polka ein ewiges Andenken an den Opa vom Willi.
Ah ja… sehr aussagekräftig ist diese offizielle Produktbeschreibung der Salletmayr allerdings nicht. Dass sich dahinter ein wahres Polkajuwel verbirgt, wird auch nicht klar.
Patrick Prammer dürfte den meisten Lesern als Chef und Schlagzeuger der Kaiser Musikanten ein Begriff sein. Doch bereits davor konnte er mit den Woody Blech Peckers beachtliche Erfolge in der böhmisch-mährischen Blasmusikszene vorweisen. Für diese Kapelle schrieb er 2017 auch die Salletmayr Polka.
Eine Notenausgabe erschien jedoch erst 2022, nachdem die Polka von den Kaiser Musikanten neu bearbeitet und aufgenommen wurde und auf der 2020 erschienenen release EP Für’s Erste* veröffentlicht wurde.
Mit einer böhmischen Polka hat die Salletmayr eigentlich gar nichts zu tun. Sie liegt irgendwo zwischen Ballade und Filmmusik.
Die Hörner beginnen direkt mit dem wunderschön eingängigen Thema des ersten Teils, untermalt von spektakulären Harmonien und virtuosen Läufen der Tuba. Butterweich übernehmen die Flügelhörner die Melodieführung (Einstiegstöne: g2 und es2!), ergänzt durch eine 3. Stimme in der Trompete.
Es folgt ein markanter Zwischenteil in dem munter durch den Quintenzirkel moduliert wird und der letztendlich wieder zum Anfangsthema zurückkehrt. Angefangen im piano, steigert es sich innerhalb von 8 Takten ins fortissimo und bildet den Übergang ins Trio.
Hier haben Tuben und Posaunen inzwischen mit 6 b zu kämpfen (Ges-Dur), aber ansonsten bleibt die Polka ihrer Linie treu. Hörner und Flügelhörner stellen nacheinander das zweite Hauptthema vor, das dem ersten in nichts nachsteht, bevor auch hier ein Zwischenteil folgt. Fast endlos langgezogene Melodiebögen über dem stetigen Rhythmus der Begleitung und teils dreistimmigen Trompetensignalen erzeugen fast ein Gefühl von “Wild-West-Prärie-Romantik”. Letztendlich stoppt ein zweitaktiger Sechzehntellauf der Tuba den Western-Trail und mit drei Vierteln Auftakt wird das große Finale im Grandioso eingeleitet, in dem das zweite Hauptthema noch einmal vom gesamten Orchester intoniert wird.
Auch die Salletmayr Polka ist kein Stück für jede Kapelle! Hörner und hohes Blech müssen im Stande sein, auch in den höchsten Lagen sauber und fein spielen zu können. Die Tubastimme ist extrem virtuos und die Tonarten sind durchgängig tückisch. Orchester und Kapellen, die sich diesen Herausforderungen gewachsen fühlen, werden jedoch mit einer Polka belohnt, die auf jeden Fall aus der Masse hervorsticht und dem Publikum im Gedächtnis bleibt.
Mladenci od lesa (Adolf Kubata)
Zum Schluss wird es nochmal ur-böhmisch!
Die Obermüller Musikanten sind egal in welcher Besetzung sie auftreten “MEGA”. 2023 brachten sie mit der CD 135 Jahre zum Andenken – Blasmusik vom Feinsten* ein Album heraus, das seinesgleichen sucht. In einer kleinen 6-Mann-Besetzung (neben Max Obermüller, unter anderem mit Sebastian Höglauer und Martin Stadler) präsentieren sie uns darauf 18 Titel aus ihrem reichhaltigen Repertoire. Von Klassikern wie der Herz-Schmerz Polka bis hin zu Eigenkompositionen wie Am Kreuzbach ist diese CD von vorne bis hinten ein einziger Genuss und meiner Meinung nach eine absolute Referenz was Versiertheit und Spielfreude betrifft.
Wenn auf so einer hochkarätigen CD auch noch ein Titel dabei ist, der besonders heraussticht und den man zuvor noch nicht kannte, gehört dieser Titel natürlich in diese Liste der 5 Mega-Polkas, die (fast) keiner spielt.
In diesem Fall ist es jedoch auch nicht verwunderlich. Der Titel Mladenci od lesa ist kaum auszusprechen oder zu merken, über den Komponisten Adolf Kubata (*1927) scheint nicht mal bekannt zu sein, ob er noch lebt oder wann er gestorben ist und Noten gibt es von dem Stück auch nicht zu erwerben.
Sehr schade! Die Polka beginnt solide, aber nicht unbedingt spektakulär, steigert sich aber mit jedem neuen Abschnitt. Das Trio ist letztendlich der pure Wahnsinn! Eine absolute Ohrwurm-Melodie, die mit unbändiger Spielfreude und Virtuosität der Obermüller Musikanten interpretiert wird.
Liegt meine Bewertung “MEGA” jetzt aber tatsächlich an der Komposition, oder doch eher an der spektakulären Interpretation der Obermüller Musikanten?
Tatsächlich wurde die Polka bereits schon 1992 schon einmal durch die Donauschwäbische Blaskapelle Reutlingen unter dem (ebenso sperrigen) Titel Es ist am schönsten, erst wenn man lacht aufgenommen. Auch hier sind alle jemals vorhandenen Notensätze “vergriffen” und die Polka ist leider nicht zu erwerben. Sieht man einmal vom hinzugedichteten Text und Gesang, sowie der eher mittelmäßigen Interpretation ab, so lässt sich die Stärke dieser Polka bereits in der älteren Aufnahme erkennen.
Somit lässt sich abschließend festhalten, dass es neben Mladenci od lesa wahrscheinlich noch hunderte weitere weitestgehend unbekannte Polkas gibt, die durch die entsprechenden Interpretationen von Weltklasse-Musikern wie den Obermüllern zu absoluten MEGA-Titeln gemacht werden könnten.
Ich hoffe, dieser Beitrag regt Dich dazu an, über den Tellerrand zu blicken und weitere MEGA-Polkas zu entdecken, die (noch) keiner spielt. Mehr Abwechslung in den Programmen würde (zumindest der Amateur-)Blasmusikszene aktuell guttun!
Kennst Du weitere MEGA-Polkas die (fast) keiner spielt? Schreibe Deine Geheimtipps gerne in die Kommentare!
Den aktuellen “Mainstream” findest Du bei den Polkas des Jahres 2026. Hier geht es zu den Plätzen 10 bis 6 und hier sind die TOP 5.
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