Im ersten Teil der Reihe “Böhmisch oder Mährisch?” haben wir uns die Besetzung angeschaut und gesehen, warum eine böhmische und eine mährische Kapelle trotz ähnlich schlanker Instrumentierung ganz unterschiedlich klingen können. Doch die Besetzung ist nur das Gerüst. Erst durch die richtige Stilistik – also die Art, wie gespielt wird – bekommt eine Polka ihren typischen Charakter. Und genau hier beginnt es interessant zu werden, denn kaum ein Thema sorgt in der Szene für so viel Diskussionsstoff wie die Frage nach dem „richtigen“ Tempo und der „richtigen“ Phrasierung.
Warum Stilistik überhaupt so wichtig ist
Traditionelle Blasmusik ist technisch betrachtet meist eher weniger anspruchsvoll. Vor allem, wenn man sie mit sinfonischen Konzertwerken vergleicht, die ebenfalls in den meisten Musikvereinen gespielt werden. Gerade weil die Stücke selten virtuose Hürden bieten, wird die stilistische Exaktheit zum eigentlichen Qualitätsmerkmal einer Kapelle. Wer genau hinhört, merkt schnell: Die etablierten Spielweisen weichen oft erheblich von dem ab, was tatsächlich im Notenblatt steht. Vorschläge, Betonungen und Tempi. Vieles davon ist ungeschriebenes Wissen, das von Kapelle zu Kapelle und von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Das führt zu einem Fazit, das man in der Szene immer wieder hört: Traditionelle Blasmusikfans dulden kaum stilistische Abweichungen. Man schaue sich nur mal die Kommentarspalten einiger Youtube-Aufnahmen an… Ein „Mosch“-Titel muss klingen wie bei Mosch!
Nur stellen sich dabei die berechtigten Fragen: Wie klang es denn überhaupt bei Mosch? Meint man damit den frühe 60er Jahre Mosch, oder die Aufnahmen seiner letzten Tournee? Wie klang der Titel denn im Original, vor Mosch? Und existiert davon überhaupt eine verlässliche Aufnahme? Bei vielen älteren Polkas, die noch bevor sich feste Stilistiken herausgebildet hatten, entstanden sind, lässt sich das gar nicht mehr eindeutig beantworten.
Tempo: Der auffälligste Unterschied
Wer eine böhmische und eine mährische Kapelle im Vergleich hört, wird spätestens beim Tempo hellhörig. Die Unterschiede sind hier deutlich größer als bei der Besetzung:
- Böhmisch: ca. 94-104 bpm – ruhig, fast schon gemütlich, mit Raum zum Atmen
- Mährisch: ca. 120-140 bpm – spürbar drängender und energiegeladener
- Zum Vergleich, Egerländer: ca. 112-118 bpm – oft merklich schneller, als die böhmischen Originale
Dieser Tempounterschied hängt natürlich eng mit dem jeweiligen Charakter der Musik zusammen. Während die böhmische Spielart auf einen gemütlicheren, erdigeren Grundpuls setzt, lebt die mährische Polka von Vorwärtsdrang und rhythmischer Schärfe und ist vom Temperament deutlich osteuropäischer angehaucht.
Betonung und Rhythmus: Zwei völlig verschiedene Grundgefühle
Entscheidender als das reine Tempo ist jedoch, wie die Achtel gespielt werden:
Böhmisch setzt auf gleichmäßig betonte Achtel. Der Vorschlag wird eher „schwer“ gespielt, der Nachschlag hin und wieder leicht schleppend. Das erzeugt diesen typisch gemütlichen Grundcharakter, den viele mit klassischer böhmischer Blasmusik verbinden.
Mährisch dagegen lebt von einer starken Betonung der „Und“-Zählzeiten (Nachschläge). Dieses „Nachdrücken“ ist teilweise sogar bei längeren Tönen spürbar. Kombiniert mit einem sehr perkussiven, (je nach Tempo) schleppenden Nachschlag, gespielt von Trompeten, entsteht ein deutlich kantigeres, treibenderes Klangbild.
Das Schlagwerk als Herzschlag
Schon in Teil 1 haben wir gesehen, dass das Schlagzeug einen der deutlichsten Unterschiede zwischen den beiden Stilen ausmacht. Genau das spiegelt sich auch in der Interpretation wider:
Böhmisch: große Trommel, kleine Trommel und Becken (teils Hi-Hat) sorgen für einen gleichmäßigen, ruhigen Grundpuls.
Mährisch: Der Nachschlag wird auffallend oft rein auf der Hi-Hat gespielt. Dazu kommt ein deutlich häufigerer Einsatz verschiedener Becken für gezielte Effekte. Das ergibt die für Mähren typischen, messerscharfen Akzente. Dies ist vor allem bei den jüngeren Besetzungen, wie Vlado Kumpan und Gloria zu hören. Bei ursprünglicheren Besetzungen wie z.B. Moravanka war diese Spielweise noch nicht so ausgeprägt.
Gemeinsamkeiten
Bei allen Unterschieden sollte man nicht vergessen, was böhmische und mährische Blasmusik trotzdem verbindet. Beide Stile setzen auf eine solistische, kleine Besetzung, beide sind von echter Volks- und Tanzmusik geprägt und beide legen großen Wert auf einen möglichst „lebendigen“ Vortrag statt einer sterilen, metronomgenauen Wiedergabe.
Die Grauzone: Wenn Stilistik gar nicht eindeutig ist
Ein Punkt, der bei aller Leidenschaft für „die richtige“ Stilistik gerne untergeht: Viele bekannte Polkas stammen von Komponisten, die stilistisch gar nicht klar einer Region zuzuordnen sind, oder wurden zu einer Zeit geschrieben, in der sich noch gar keine festen Stilistiken herausgebildet hatten. Ein gutes Beispiel ist die „Slavonická polka“ von Vladimír Fuka. Geboren und gestorben im Grenzort Dačice zwischen Böhmen und Mähren, eigentlich klassischer Komponist und ohne Bindung an eine bestimmte Besetzung oder Kapelle. Darf man ein solches Stück dann überhaupt nur „auf eine Art“ spielen? Meine Antwort lautet: nicht zwingend. Am Ende zählt vor allem, ob Komponist, Entstehungskontext und bekannte Referenzaufnahmen zusammenpassen.
Und ob die eigene Kapelle mit ihrer Besetzung und ihrem Niveau überhaupt zur gewählten Stilistik passt.
Die wenigsten Blasorchester in Deutschland und Österreich sind alleine schon der Besetzung wegen in der Lage, sowohl böhmische als auch mährische Blasmusikliteratur stilistisch authentisch zu interpretieren. Aber zum Glück gab es Ernst Mosch, der uns beide Richtungen unter der Egerländer Stilistik zugänglich und spielbar machte.
Fazit
Tempo und Betonung sind neben der Besetzung die beiden Stellschrauben, die eine Polka erst wirklich „böhmisch“ oder „mährisch“ klingen lassen. Während Böhmisch eher gemütlich, erdig und gleichmäßig daherkommt, punktet Mährisch mit Tempo, perkussiver Schärfe und einem kantigeren Nachschlag. Wer beides bewusst einsetzt, kann ein und dasselbe Stück in zwei völlig unterschiedlichen Gewändern präsentieren. Erlaubt ist, was gefällt und was bewusst entschieden wurde. Und wer auf Nummer sicher gehen möchte, orientiert sich an Ernst Mosch und der Egerländer Stilistik. Genau das macht die böhmisch-mährische Blasmusik, wie wir sie heute erleben, so vielseitig.
Welche Polkas kennst Du, die in verschiedenen Stilistiken gespielt werden und welche Version gefällt Dir davon am besten? Wo ziehst Du persönlich die Grenze zwischen “stilistisch korrekt” und “eigene Interpretation”? Schreib es gerne in die Kommentare!
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