Böhmisch oder Mährisch? Teil 1: Die Besetzung
Sobald im Sommer die Open-Air-Saison beginnt, findet sich traditionelle Blasmusik auf nahezu jedem Notenständer. In der Praxis werden Begriffe jedoch häufig vermischt: „Böhmische Blasmusik“ wird durch den prägenden Erfolg von Ernst Mosch häufig fälschlicherweise synonym mit der Egerländer Blasmusik verwendet. Dabei ist die Egerländer Blasmusik streng genommen ein deutscher Stil, der sich zwar an böhmischen Vorbildern orientiert, aber eine ganz eigene Entwicklung genommen hat. Hinter den traditionellen tschechischen Stilrichtungen verbergen sich ganz eigene Welten.
In dieser Blog-Reihe möchte ich die feinen aber teils auch gewaltigen Unterschiede zwischen der böhmischen und der mährischen Stilistik genauer unter die Lupe nehmen. Im ersten Teil widmen wir uns dem Fundament jeder Kapelle: der Besetzung. Denn auch beim Blick auf die Instrumentierung zeigt sich, warum eine böhmische Kapelle einen völlig anderen Klangcharakter entfaltet als eine mährische.

Die gemeinsame Basis: Klein und solistisch
Interessanterweise haben die ursprüngliche böhmische und die mährische Blasmusik besetzungstechnisch deutlich mehr Gemeinsamkeiten miteinander als mit dem hierzulande bekannteren Egerländer-Stil. Während die Egerländer Musikanten mit oft mehr als 20 Musikern in einer chorischen Besetzung – also mit mindestens zwei Musikern pro Stimme – für einen großen, weichen Orchesterklang sorgen , setzen die originalen tschechischen Kapellen auf Minimalismus. Sie sind traditionell sehr klein und umfassen meist nur 10 bis 14 Musiker.
Daraus ergibt sich ein völlig anderes Musiziergefühl:
- Jede Stimme ist im Prinzip nur einfach besetzt.
- Jeder Musiker agiert als kleiner Solist, was Raum für feine individuelle Freiheiten und kleine Improvisationen lässt. Vor allem bei der mährischen Blasmusik.
- Als hohes Hauptmelodieinstrument war ursprünglich in beiden Regionen die Trompete typisch, während das weichere Flügelhorn erst später modisch von einigen böhmischen Kapellen übernommen wurde.
Doch worin genau unterscheiden sich nun Böhmisch und Mährisch, wenn wir die Register im Detail betrachten?
1. Das Holzregister: Klarer, offensiver Klang
Im Holzbereich verzichten beide tschechischen Stilrichtungen bewusst auf einen runden, sinfonischen Mischklang. Die Besetzung ist extrem schlank:
- Es gibt in der Regel nur eine einzige B-Klarinette für die erste Stimme.
- Ergänzt wird diese durch eine noch höher spielende Es-Klarinette (zweite Stimme).
- Diese Kombination sorgt für den typisch spritzigen, leicht offensiven Klang an der Spitze der Kapelle, der sich deutlich vom weichen Egerländer Klang abhebt.
2. Die Sonderrolle der Posaune (Speziell Mährisch)
Ein prägnanter Unterschied zeigt sich im Begleitregister. Während die böhmische Musik oft auf eine traditionelle Aufteilung mit Trompeten und Posaune in der Begleitung setzt, bricht die mährische Musik mit den klassischen Mustern:
- Die Posaune nimmt in der mährischen Blasmusik eine absolute Sonderrolle ein.
- Sie übernimmt eine flexible Rolle zwischen Vor- und Nachschlag und tritt zugleich als virtuoses Soloinstrument hervor.
- Dadurch bringt sie rhythmische Schärfe und Flexibilität in den mährischen Gesamtklang.
3. Das Schlagwerk: Der Taktgeber der Stilistiken
Das Schlagzeug liefert den vielleicht deutlichsten Kontrast zwischen den beiden tschechischen Stilen und prägt das rhythmische Gesamtbild besonders deutlich:
- Im mährischen Stil wird der Nachschlag auffallend häufig rein auf der Hi-Hat gespielt.
- Durch das präzise Öffnen und Schließen der Hi-Hat kann der mährische Schlagzeuger messerscharfe Akzente und Betonungen setzen.
- Zudem kommt in Mähren eine vielseitige Palette verschiedener Becken für gezielte Effekte zum Einsatz.
- In der böhmischen Spielart geht es dagegen gemütlicher zu, wo meist nur ein einziges großes Crash-Ride-Becken den gleichmäßigeren, erdigeren Rhythmus trägt.
4. Das Fundament: Die Tuba im Alleingang
Da die tschechischen Kapellen so kompakt besetzt sind, ist eine einzige Tuba für das Bassfundament absolut ausreichend. Im Gegensatz zur Egerländer Besetzung, bei der B- und F-Tuba kombiniert werden, um Volumen und Präzision zu verschmelzen , steht der Tubist hier alleine in der Verantwortung. Das gibt ihm vor allem im Mährischen die Freiheit, den Begleitsatz mit eigenen, kunstvollen Bassläufen aufzulockern, da er alleine auf der Stimme sitzt.
Ad-hoc-Kapellen: Ein Blick in die Vergangenheit
Wenn man an die großen Böhmisch-Mährischen Komponisten wie Vacek, Vejvoda oder Zvacek denkt, muss man zum Abschluss aber erwähnen, dass es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein überhaupt keine standardisierten Blasmusikbesetzungen in Böhmen und Mähren gab. Die Musiker waren fast ausnahmslos Amateure – Bauern, Handwerker oder Bergleute. Man spielte in der Besetzung, die das Dorf eben hergab. Fehlte ein Tenorhorn, übernahm eine Posaune oder eine Violine die Stimme.
Reine Blasorchester waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im zivilen Bereich eher die Ausnahme und blieben oft dem Militär vorbehalten. Auf dem Land waren diese Mischbesetzungen die Norm.
Die Standardisierung, die wir heute als „typisch böhmisch“ oder „typisch mährisch“ empfinden, setzte erst ab den 1950er Jahren ein.
Ausblick:
Die Besetzung bildet das Gerüst – doch erst die richtige Stilistik verleiht der Musik ihren Charakter? Genau darum geht es in den nächsten Teilen dieser Reihe.
Habt Ihr Fragen oder Anmerkungen? Schreibt sie in die Kommentare!
